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    Energiemanagement in der Lebensmittel- und Getränkeproduktion: Grundlagen, Methoden und Einsparpotenziale
    Foto: Foto: Adrien Olichon / Unsplash
    Getränkeindustrie

    Energiemanagement in der Lebensmittel- und Getränkeproduktion: Grundlagen, Methoden und Einsparpotenziale

    Grundlagen der Energieeffizienz
    Veröffentlicht
    24. September 2026
    Lesezeit
    4 Minuten
    Rubrik
    Getränkeindustrie

    Die Lebensmittel- und Getränkeindustrie gehört zu den energieintensivsten Branchen des verarbeitenden Gewerbes. Thermische Prozesse wie Pasteurisierung, Sterilisation und Trocknung, aber auch Kältetechnik, Druckluftversorgung, Fördertechnik und Verpackungsmaschinen verursachen einen erheblichen Anteil der Betriebskosten. Gleichzeitig wächst der Druck durch steigende Energiepreise, CO₂-Berichtspflichten und Nachhaltigkeitsanforderungen entlang der Lieferkette. Ein strukturiertes Energiemanagement ist daher kein optionales Add-on, sondern ein operatives Erfordernis für wettbewerbsfähige Produktionsbetriebe.

    Entscheidend für den Erfolg ist dabei ein systemischer Ansatz: Einzelne Optimierungsmaßnahmen an Einzelaggregaten entfalten oft nur begrenzte Wirkung. Erst die Kombination aus kontinuierlicher Messdatenerfassung, strukturierter Analyse und automatisierter Regelung erschließt die wesentlichen Einsparpotenziale. Die nachfolgenden Abschnitte beschreiben die zentralen Bausteine dieses Ansatzes.

    ISO 50001 als Rahmenwerk: Was das Normwerk fordert

    Die internationale Norm ISO 50001 definiert die Anforderungen an ein Energiemanagementsystem (EnMS). Sie folgt der sogenannten High Level Structure, die auch Normen wie ISO 9001 oder ISO 14001 zugrunde liegt, und lässt sich damit in bestehende Managementsysteme integrieren. Kernelemente sind die Festlegung einer Energiepolitik, die Ermittlung signifikanter Energieeinsatzbereiche (SEUs – Significant Energy Uses), die Ableitung messbarer Energieziele sowie ein kontinuierlicher Verbesserungszyklus nach dem PDCA-Prinzip (Plan-Do-Check-Act).

    Für Lebensmittelbetriebe besonders relevant ist die Forderung nach Energieleistungskennzahlen (EnPIs – Energy Performance Indicators). Diese relativen Kennzahlen – etwa Kilowattstunden je Tonne produziertes Gut oder je Liter abgefülltes Getränk – machen den Energieverbrauch unabhängig von Produktionsschwankungen vergleichbar und ermöglichen eine belastbare Trendanalyse über Schichten, Linien und Standorte hinweg.

    Messdatenerfassung als Fundament: Smart Metering und Sub-Metering

    Ohne granulare Messdaten ist kein wirksames Energiemanagement möglich. Der Energieverbrauch über einen einzigen Hauptzähler erfasst zu werden reicht für eine aussagekräftige Analyse nicht aus. Moderne Produktionsbetriebe setzen auf Sub-Metering-Architekturen, bei denen einzelne Verbrauchergruppen – Kompressoren, Kälteanlagen, Abfülllinien, Beleuchtung, HLK-Systeme – über dedizierte Energiemesstransformatoren und Mehrkreismessgeräte separat erfasst werden.

    Relevante elektrische Messgrößen sind neben dem Wirkenergieverbrauch auch Blindleistung, Oberschwingungen (Harmonics) und Leistungsfaktor, da diese die Netzqualität beeinflussen und Strafgebühren durch Netzbetreiber verursachen können. Für thermische Energieträger wie Dampf, Heißwasser oder Kältekreisläufe kommen Wärmemengenzähler mit Ultraschall- oder Coriolis-Durchflussmessung zum Einsatz. Die erfassten Daten werden über standardisierte Protokolle – Modbus, Profibus, IEC 61850 oder OPC UA – an übergeordnete Energiemanagementsoftware übertragen.

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    Hygienic-Design-Anforderungen in der Lebensmittelproduktion erfordern dabei, dass auch Messgeräte und deren Montagekonzepte reinigungsgerecht ausgeführt sind. Kabelkanäle, Gehäuseschutzklassen (mindestens IP66) und korrosionsbeständige Materialien sind bei der Auswahl zu berücksichtigen.

    Energietransparenz durch Software: SCADA, MES und dedizierte EMS-Plattformen

    Die erhobenen Messdaten müssen aggregiert, kontextualisiert und visualisiert werden, damit Betriebsleiter und Energiemanager handlungsfähig sind. Hierfür stehen unterschiedliche Softwareschichten zur Verfügung: SCADA-Systeme (Supervisory Control and Data Acquisition) bilden den Echtzeitbetrieb ab, Manufacturing Execution Systems (MES) verknüpfen Energiedaten mit Produktionsmengen und Auftragsstrukturen, während dedizierte Energiemanagementplattformen dashboardbasierte Analysen, automatische Alarme bei Schwellwertüberschreitungen und Benchmarking-Funktionen bieten.

    Ein besonderer Mehrwert entsteht durch die Kopplung von Energiedaten mit Maschinendaten aus dem Automatisierungssystem. Wenn beispielsweise bekannt ist, dass eine Abfülllinie im Leerlauf läuft oder eine Reinigungsphase (CIP – Cleaning in Place) aktiv ist, lassen sich Energieverbräuche phasenspezifisch auswerten. Auf diese Weise werden verdeckte Verluste sichtbar, etwa dauerhaft laufende Druckluftverbraucher außerhalb der Produktionszeit oder ineffiziente Aufheizrampen bei Durchlauföfen.

    Typische Einsparhebel in der Nahrungsmittelproduktion

    Druckluftsysteme zählen branchenübergreifend zu den größten Energieverbrauchern und bieten erfahrungsgemäß Einsparpotenziale von 20 bis 40 Prozent. Ursachen sind häufig überhöhte Netzdrücke, Leckagen im Rohrnetz sowie falsch dimensionierte Kompressoren, die im Teillastbetrieb ineffizient arbeiten. Druckniveau-Optimierung, Leckagedetektion und der Einsatz drehzahlgeregelter Kompressoren (Variable Speed Drive, VSD) sind die zentralsten Maßnahmen.

    Elektrische Antriebe in Förderanlagen, Pumpen und Lüftungssystemen bieten durch den Einsatz von Frequenzumrichtern erhebliche Einsparpotenziale, da viele dieser Systeme historisch mit starrem Nennbetrieb ausgelegt wurden, obwohl der tatsächliche Bedarf variabel ist. Gemäß dem affinen Gesetz für Strömungsmaschinen reduziert sich die aufgenommene elektrische Leistung mit der dritten Potenz der Drehzahl – eine Drehzahlabsenkung um 20 Prozent resultiert rechnerisch in einer Leistungsreduzierung von rund 49 Prozent.

    Kälteanlagen für Kühlräume, Prozesskühlung und Klimatisierung stellen ebenfalls einen signifikanten Energieeinsatzbereich dar. Maßnahmen wie die Optimierung der Verdampfer- und Kondensationstemperatur, die Wärmerückgewinnung aus dem Kältemittelkreislauf sowie bedarfsgeführte Regelung der Kälteleistung über Energiemanagementsysteme können den Strombedarf dieser Systeme spürbar reduzieren.

    Integration in die Automatisierungsarchitektur und IIoT-Anbindung

    Modernes Energiemanagement ist keine isolierte Disziplin, sondern wird zunehmend in die übergeordnete Automatisierungsarchitektur integriert. Speicherprogrammierbare Steuerungen (SPS) und dezentrale Steuerungseinheiten kommunizieren bidirektional mit Energiemanagementsystemen: Energiedaten fließen nach oben in Analyseebenen, während optimierte Lastprofile und Abschaltsignale nach unten in die Maschinensteuerung zurückgegeben werden.

    Die industrielle Vernetzung (Industrial Internet of Things, IIoT) erweitert diese Architektur durch cloudbasierte Analysedienste, die standortübergreifende Vergleiche, vorausschauende Anomalieerkennung und automatisierte Reportingfunktionen ermöglichen. Edge-Computing-Geräte übernehmen dabei die Vorverarbeitung und Aggregation der Rohdaten, bevor diese an Cloud-Plattformen übergeben werden – ein Ansatz, der Latenz reduziert und Datensouveränität gewährleistet.

    Praxis und Ausblick: Von der Einzelmaßnahme zum kontinuierlichen Prozess

    Ein wirksames Energiemanagement in der Lebensmittel- und Getränkeproduktion erfordert den Aufbau einer belastbaren Messinfrastruktur als erste Grundlage, gefolgt von einer strukturierten Analyse signifikanter Energieeinsatzbereiche und der konsequenten Umsetzung technischer sowie organisatorischer Maßnahmen. Norm-konformität nach ISO 50001 bietet dabei nicht nur einen strukturellen Rahmen, sondern erleichtert auch den Nachweis gegenüber Abnehmern, Investoren und Behörden.

    Künftig wird die Kopplung von Energiemanagement mit digitalen Zwillingen an Bedeutung gewinnen: Virtuelle Abbilder von Produktionslinien ermöglichen es, Energieszenarien zu simulieren, bevor Investitionsentscheidungen getroffen werden. Zugleich wächst die Bedeutung des sogenannten Demand-Side-Managements, bei dem Produktionsbetriebe flexibel auf Netzsignale reagieren und damit sowohl zur Netzstabilität beitragen als auch von variablen Stromtarifen profitieren können. Energiemanagement entwickelt sich damit vom reinen Kostensenkungsinstrument zu einem strategischen Element der Betriebsführung.

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