In der industriellen Herstellung von Brot, Brötchen und verwandten Backwaren steht die Fermentation als biotechnologischer Kernprozess im Zentrum der Qualitätssteuerung. Ob Weizenkleingebäck, Toastbrot oder Sauerteigbrot – in jedem Fall bestimmt die Aktivität von Mikroorganismen maßgeblich, welche rheologischen Eigenschaften der Teig aufweist, welches Volumen das Endprodukt erreicht und welches Aromaprofil sich im fertigen Erzeugnis entfaltet. Für Ingenieure und Prozesstechniker in Bäckereien jeder Größenordnung ist ein fundiertes Verständnis der Fermentationsbiologie und der daraus abgeleiteten Regelstrategien unabdingbar.
Im industriellen Kontext bedeutet Fermentationssteuerung weit mehr als das Einhalten einer Ruhezeit. Es geht um die aktive Beeinflussung biologischer und biochemischer Reaktionsketten durch physikalische Parameter wie Temperatur, relative Luftfeuchtigkeit, Zeit und Teigausbeute – stets mit dem Ziel, reproduzierbare Produkteigenschaften bei gleichzeitig hoher Anlagenauslastung zu erzielen.
Mikrobiologische Grundlagen: Hefen und Milchsäurebakterien
Die für die Backwarenfermentation relevanten Mikroorganismen lassen sich in zwei funktionale Gruppen einteilen: Hefen und Milchsäurebakterien (MSB). In hefegetriebenen Systemen – etwa bei der Herstellung von Weizenbrot oder Toastbrot – steht Saccharomyces cerevisiae im Vordergrund. Diese Hefe vergärt vergärbare Zucker anaerob zu Ethanol und Kohlendioxid, wobei das CO₂ das Teigvolumen aufbaut. Entscheidend für die industrielle Prozessführung ist, dass die Hefezellzahl, der Zuckergehalt des Teigs und die Temperatur in einem definierten Verhältnis zueinander stehen.
In Sauerteigprozessen tritt eine symbiotische Gemeinschaft aus hetero- und homofermentativen MSB gemeinsam mit Wildhefen auf. Heterofermentative MSB wie Lactobacillus sanfranciscensis (heute Fructilactobacillus sanfranciscensis) produzieren neben Milchsäure auch Essigsäure und CO₂, was das Aromaprofil und die Säurestruktur des Brotes prägt. Der Fermentationsquotient (FQ), definiert als molares Verhältnis von Milchsäure zu Essigsäure, gilt als Leitgröße für die sensorische Charakterisierung und wird in der Praxis durch Temperatur und Teigausbeute gezielt eingestellt.
Prozessparameter und ihre Wechselwirkungen
Temperatur ist der wirksamste Steuerungsparameter der Fermentation. Für S. cerevisiae liegt das Aktivitätsoptimum zwischen 28 °C und 32 °C; oberhalb von 45 °C tritt irreversible Inaktivierung ein. In Sauerteigführungen ermöglicht die gezielte Temperaturdifferenzierung eine Verschiebung des FQ: Niedrige Temperaturen um 18–22 °C begünstigen die Essigsäurebildung und damit ein kräftigeres Aroma, während Temperaturen um 28–30 °C die Milchsäureproduktion fördern und ein milderes Profil erzeugen.




