In der Lebensmittel- und Getränkeproduktion stellt die Prozessautomation besondere Anforderungen an alle eingesetzten Komponenten. Anders als in der allgemeinen Industrie genügt es nicht, dass ein Sensor, ein Antrieb oder ein Gehäuse technisch zuverlässig funktioniert. Die betreffenden Bauteile müssen so konstruiert sein, dass sie Reinigung und Desinfektion standhalten, keine Keimreservoire bilden und die Lebensmittelsicherheit zu keinem Zeitpunkt gefährden. Dieses Prinzip wird unter dem Begriff Hygienic Design zusammengefasst und ist heute Grundvoraussetzung für den Einsatz von Automatisierungstechnik in allen Bereichen der Nahrungsmittelverarbeitung — von der Fleischzerlegung über die Molkerei bis zur Getränkeabfüllung.
Hygienic Design ist kein optionales Qualitätsmerkmal, sondern eine aus lebensmittelrechtlichen Vorgaben abgeleitete technische Notwendigkeit. Die EU-Verordnung 1935/2004 über Lebensmittelkontaktmaterialien, die Maschinenrichtlinie 2006/42/EG sowie die Anforderungen aus dem HACCP-Konzept gemäß Verordnung (EG) Nr. 852/2004 bilden den rechtlichen Rahmen. Technisch konkretisiert werden diese Vorgaben durch Normen der EHEDG (European Hygienic Engineering and Design Group) sowie durch die 3-A-Sanitary-Standards, die vor allem im nordamerikanischen Raum verbindlich sind.
Konstruktionsprinzipien: Was Hygienic Design technisch bedeutet
Hygienic Design beschreibt eine Konstruktionsphilosophie, nach der alle produktberührenden und produktnahen Flächen so gestaltet sein müssen, dass sie vollständig reinigbar und desinfizierbar sind. Konkret bedeutet das: keine Toträume, keine Spalten, keine Gewinde in produktberührenden Bereichen, ausreichende Mindestradien an allen Innenecken (in der Regel ≥ 3 mm), glatte und korrosionsbeständige Oberflächen mit definierten Rauheitswerten (Ra ≤ 0,8 µm für produktberührende Flächen in der Nassverarbeitung) sowie eine selbstentleerende Geometrie, die keine Flüssigkeitsansammlungen zulässt.
Diese Prinzipien gelten nicht nur für Behälter, Rohrleitungen und Pumpen, sondern auch für Automatisierungskomponenten wie Sensoren, Ventile, Aktuatoren, Kabelführungen und Schaltschränke. Besonders kritisch sind Übergangsbereiche zwischen Bauteilen unterschiedlicher Materialien sowie alle Verbindungselemente. Standardschrauben mit Kreuzschlitz oder Innensechskant bilden typische Keimreservoire und sind in Nassbereichen der Lebensmittelindustrie grundsätzlich zu vermeiden.
Werkstoffe und Oberflächenqualitäten für lebensmitteltaugliche Komponenten
Für produktberührende Flächen ist nichtrostender Stahl der Güte 1.4404 (AISI 316L) der bevorzugte Werkstoff. Er bietet ausreichende Korrosionsbeständigkeit gegenüber den in der Lebensmittelverarbeitung üblichen Reinigungs- und Desinfektionsmitteln auf Chlor-, Peressigsäure- und Natronlaugenbasis. In besonders aggressiven Umgebungen, etwa in der Käseproduktion oder bei hochsauren Fruchtverarbeitungen, können Duplexstähle oder Kunststoffe wie PEEK, PTFE und PVDF eingesetzt werden, sofern diese gemäß EU-Verordnung 10/2011 für den Lebensmittelkontakt zugelassen sind.




