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    Pasteurisierung und Sterilisation in der Lebensmittelproduktion: Verfahren, Parameter und Auswahlkriterien
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    Pasteurisierung und Sterilisation in der Lebensmittelproduktion: Verfahren, Parameter und Auswahlkriterien

    Grundlagen der thermischen Haltbarmachung
    Veröffentlicht
    06. Oktober 2026
    Lesezeit
    4 Minuten
    Rubrik
    Aufmacher

    Ob Milch, Fruchtsaft, Wurst oder Konserve — nahezu jedes verarbeitete Lebensmittel durchläuft im Laufe seiner Herstellung mindestens einen thermischen Behandlungsschritt, der Mikroorganismen abtötet oder deren Wachstum hemmt. Die Wahl des richtigen Verfahrens ist dabei keine Routineentscheidung, sondern das Ergebnis einer sorgfältigen Analyse von Produkt, Prozess und angestrebter Haltbarkeitsdauer. Fehler in der Auslegung können entweder zur mikrobiologischen Instabilität des Produkts oder zu unnötigen Qualitätsverlusten durch zu hohe thermische Belastung führen.

    Grundsätzlich unterscheidet die Lebensmitteltechnologie zwischen der Pasteurisierung, die vegetative Keime und pathogene Mikroorganismen abtötet, und der Sterilisation, die auf die Inaktivierung aller keimfähigen Strukturen einschließlich hitzeresistenter Sporenbildner abzielt. Beide Verfahren folgen denselben physikalischen Gesetzmäßigkeiten, unterscheiden sich jedoch erheblich in Temperatur-Zeit-Kombination, Anlagentechnik und den erzielbaren Haltbarkeitszeiträumen.

    Physikalische Grundlagen: D-Wert, z-Wert und F-Wert

    Die Wirksamkeit einer thermischen Behandlung wird über logarithmische Reduktionsraten beschrieben. Der sogenannte D-Wert (Dezimalreduktionswert) gibt die Zeit in Minuten an, die bei einer definierten Temperatur benötigt wird, um die Keimzahl eines Zielorganismus um 90 Prozent — also eine Zehnerpotenz — zu reduzieren. Je kleiner der D-Wert, desto hitzeempfindlicher ist der Organismus. Für den in der Sterilisationstechnik maßgeblichen Referenzkeim Clostridium botulinum liegt der D-Wert bei 121 Grad Celsius typischerweise zwischen 0,1 und 0,2 Minuten.

    Der z-Wert beschreibt die Temperaturabhängigkeit des D-Werts: Er gibt an, um wie viele Grad Celsius die Behandlungstemperatur erhöht werden muss, um den D-Wert um den Faktor zehn zu reduzieren. Für C. botulinum beträgt der z-Wert konventionell zehn Kelvin. Der F-Wert schließlich integriert die gesamte thermische Wirkung über den Temperatur-Zeit-Verlauf und erlaubt einen direkten Vergleich unterschiedlicher Prozessführungen. Der Fo-Wert bezieht diese Integration auf die Referenztemperatur von 121,1 Grad Celsius und ist zentrales Auslegungskriterium für Sterilisationsanlagen in der Konservenindustrie.

    Pasteurisierung: Verfahrensvarianten und typische Anwendungsgebiete

    Die klassische Niederpasteurisierung arbeitet mit Temperaturen zwischen 62 und 65 Grad Celsius über Haltezeiten von 15 bis 30 Minuten und wird heute in kontinuierlichen Anlagen kaum noch eingesetzt. Marktbestimmend ist die Hochpasteurisierung (HTST, High Temperature Short Time) mit Temperaturen um 72 bis 75 Grad Celsius bei Haltezeiten von 15 bis 30 Sekunden. Für empfindlichere Produkte wie Fruchtsäfte mit niedrigem pH-Wert ist häufig eine angepasste Parameterführung erforderlich, da der saure Milieu bereits das Keimwachstum hemmt und damit geringere thermische Lasten ausreichen.

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    Die Kurzzeiterhitzung erfolgt in der industriellen Praxis überwiegend in Plattenwärmetauschern oder Rohrbündelwärmetauschern, die eine präzise Temperaturführung, kontinuierlichen Betrieb und eine effiziente Wärmerückgewinnung von bis zu 95 Prozent ermöglichen. Abgefüllt wird pasteurisiertes Produkt entweder heiß (Hot Filling) direkt nach der Erhitzung, wobei die Temperatur des Füllguts selbst die Sterilität der Verpackungsinnenfläche sicherstellt, oder nach Rückkühlung in sterile Verpackungen unter aseptischen Bedingungen.

    Sterilisation: UHT-Behandlung und Retortenverfahren im Vergleich

    Für Produkte mit langer Haltbarkeitsdauer ohne Kühlung — etwa H-Milch, Sahne oder bestimmte Saucen — kommt die Ultrahocherhitzung (UHT, Ultra High Temperature) zum Einsatz. Dabei wird das Produkt für zwei bis sechs Sekunden auf 135 bis 150 Grad Celsius erhitzt. Die extrem kurze Einwirkzeit minimiert Qualitätsverluste wie Maillard-Reaktion, Vitaminabbau und Denaturierung empfindlicher Proteine erheblich im Vergleich zu längeren Sterilisationsregimen. UHT-Anlagen arbeiten entweder mit indirekter Erhitzung über Wärmetauscher oder mit direkter Dampfinjektion beziehungsweise Dampfinfusion, wobei letztere Verfahren eine besonders schonende Produktbehandlung bei gleichzeitig hoher thermischer Wirksamkeit bieten.

    Das Retortenverfahren dagegen sterilisiert das bereits abgefüllte und verschlossene Produkt im Behälter — üblicherweise Dosen, Gläser oder Pouches — durch Behandlung mit Wasserdampf oder Heißwasser unter Druck. Temperaturen von 121 bis 132 Grad Celsius und Haltezeiten, die auf den angestrebten Fo-Wert ausgelegt sind, stellen die kommerzielle Sterilität sicher. Da Wärme hier von außen durch die Verpackungswand in das Produkt eindringen muss, spielen Behältergröße, Produktviskosität und Wärmeleitfähigkeit eine entscheidende Rolle für die Auslegung des Prozesses. Für hochviskose oder stückige Produkte wie Eintöpfe oder Fleischkonserven ist das Retortenverfahren oft das einzige technisch realisierbare Sterilisationsverfahren.

    Auswahlkriterien: Produkt, Verpackung und regulatorische Anforderungen

    Die Entscheidung zwischen Pasteurisierung und Sterilisation sowie zwischen den einzelnen Verfahrensvarianten hängt von mehreren interdependenten Faktoren ab. Ausschlaggebend sind zunächst die mikrobiologische Ausgangslast des Rohprodukts und die angestrebte Haltbarkeitsdauer. Der pH-Wert des Produkts ist ebenfalls zentral: Lebensmittel mit einem pH-Wert unter 4,6 gelten als säurekonserviert, da sich in diesem Milieu C. botulinum nicht vermehren kann. Für diese Produkte ist eine Pasteurisierung in der Regel ausreichend; Sterilisationstemperaturen sind nicht erforderlich.

    Daneben bestimmen Verpackungsform und -material die technische Machbarkeit bestimmter Verfahren. Aseptische Abfüllung nach UHT-Behandlung setzt geeignete Verpackungswerkstoffe und Sterilisationseinheiten für Behälter und Verschlüsse voraus. Regulatorisch sind in der EU insbesondere die Verordnung (EG) Nr. 852/2004 über Lebensmittelhygiene sowie produktspezifische Verordnungen — etwa für Milchprodukte oder Fleischerzeugnisse — maßgeblich. Für bestimmte Produktgruppen schreiben diese Verordnungen Mindesttemperaturen und -haltezeiten verbindlich vor.

    Validierung und Prozessüberwachung als Grundvoraussetzung

    Jeder thermische Prozess muss vor der Inbetriebnahme validiert und im laufenden Betrieb überwacht werden. Die Validierung umfasst die Bestimmung der kältesten Stelle im Produkt (Cold Spot), die Kalibrierung aller Temperatur- und Zeitmesspunkte sowie die Durchführung von Inaktivierungsversuchen mit geeigneten Testorganismen oder biologischen Indikatoren. Im Tagesbetrieb stellen Prozessleitsysteme mit kontinuierlicher Temperatur- und Druckaufzeichnung sicher, dass Sollparameter eingehalten werden. Abweichungen müssen dokumentiert und Chargen, die außerhalb der validierten Parameter produziert wurden, zurückgehalten werden, bis ihre Sicherheit anderweitig nachgewiesen ist.

    Für die Praxis bedeutet dies: Eine einmalige Auslegungsrechnung genügt nicht. Änderungen an Rezeptur, Behältergröße, Füllgewicht oder Anlagentechnik erfordern eine erneute Validierung des gesamten thermischen Prozesses. Dies gilt ebenso nach größeren Wartungsarbeiten oder dem Austausch sicherheitsrelevanter Messkomponenten. Nur durch diese Kombination aus fundierten verfahrenstechnischen Grundlagen, sorgfältiger Prozessauslegung und konsequenter Überwachung lässt sich die thermische Haltbarmachung als verlässliche Säule der Lebensmittelsicherheit betreiben.

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