Herr Braungart, Ressourceneffizienz ist das Top-Thema der diesjährigen Anuga Foodtec. Es geht darum, Produktionsprozesse zu optimieren, den Energie- und Wasserverbrauch zu reduzieren und den Verlust von Lebensmitteln so gering wie möglich zu halten…
Braungart: Den Verlust von Lebensmitteln gering zu halten, ist ja durchaus wünschenswert. Doch zuerst einmal gilt es zu fragen, wie sich die bald zehn Milliarden Menschen mit Lebensmittel versorgen lassen. Und wie sich Lebensmittel erzeugen lassen, die gesund und bezahlbar sind – z.B. mit Algen, Pilzen und Bakterien.
Die Lebensmittelindustrie unternimmt große Anstrengungen, ihre Prozesse und Anlagen weiter zu optimieren. Sie gelten als Kritiker dieser Strategie. Was ist am Effizienzgedanken so falsch?
Braungart: Effizienz bedeutet, die Dinge richtig zu machen. Der Ansatz bringt uns bei der Lebensmittelerzeugung aber nicht weiter, denn er führt dazu, dass wir die falschen Dinge optimieren. Statt der Effizienz muss die Effektivität in den Vordergrund rücken. Das heißt, sich zunächst einmal zu fragen: Was ist das Richtige? Dafür ist unbedingt notwendig, die Dinge noch einmal ganz neu zu durchdenken. Schauen Sie sich einen Kirschbaum im Frühling an. Kein Sparen an den Blüten, kein Vermeiden oder Minimieren. Der Baum ist hocheffektiv und steht damit sinnbildlich für Cradle to Cradle.
Die Kreisläufe in der Natur sind Ihr Vorbild. Verbrauchsgüter, die verschleißen müssen so sein, dass sie biologisch nützlich und nicht schädlich für die Umwelt sind. Wie lässt sich dieses Prinzip bei der Produktion von Lebensmitteln umsetzen?
Braungart: Es gibt tatsächlich vieles zu tun. Die aus meiner Sicht größte Baustelle in der Lebensmittelindustrie ist die Verpackung. Noch nie wurden so viele Verpackungen verwendet wie heute. Inhaltsstoffe und Design sind nicht für echte Stoffkreisläufe optimiert. Wir müssen dahin kommen, dass sich alle Bestandteile eines Produkts endlos wiederverwerten lassen – und zwar ohne jegliche Qualitätseinbuße, getreu dem Prinzip: Von der Wiege bis zur Wiege. Oder auf Englisch: Cradle to Cradle.
Ist das Recyclingkonzept, wie es der Grüne Punkt propagiert, also gescheitert?
Braungart: Der Grüne Punkt hat uns gar nichts gebracht. PVC und die ganzen giftigen Pigmente sind nach wie vor im Einsatz. Und wie reagieren die Verpackungshersteller? Mit hochoptimierten Barrieren, die verhindern sollen, dass gesundheitsschädliche Substanzen in Lebensmittel migrieren. Dies zeigt: Es werden die falschen Dinge perfekt gemacht – und damit perfekt falsch!




