Europa produziert nicht genug Eiweiß, um Menschen und Tiere selbst zu ernähren. Für den Großteil des Proteinbedarfs sind die Länder auf Importe angewiesen – allen voran von Soja. Das Hamburger Biotech-Scale-up Microharvest adressiert das Defizit mit einer Produktionsanlage im Chemiepark Leuna, die als erste Anlage Europas hochwertiges Protein im industriellen Maßstab produziert. Auf einer Bruttogrundfläche von rund 5800 m2 sollen dort 15 000 t Protein pro Jahr durch Biomassefermentation aus regionalen Agrar-Nebenströmen entstehen. Microharvest investiert einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag. Drees & Sommer SE begleitet Microharvest bei dem Vorhaben in der Planungsphase mit Projektmanagement und der Generalplanung. Der Produktionsstart erfolgt voraussichtlich in der ersten Jahreshälfte 2028.
In 24 h vom Rohstoff zum Protein
Um Protein zu gewinnen, fermentiert das Scale-up Mikroorganismen, die seit Jahrtausenden in der Lebensmittelherstellung zuverlässig arbeiten und etwa Milch zu Joghurt, Kohl zu Sauerkraut und Gemüse zu Kimchi machen. Als Futter für diese Mikroorganismen dienen Agrar-Nebenströme wie Melasse, ein Nebenerzeugnis in der Zuckerproduktion, das in der Agrarregion um Leuna in großen Mengen anfällt.
Die Fermentation läuft in geschlossenen Edelstahltanks ab: Mikroorganismen nehmen die Melasse auf und bauen daraus Proteine auf. Die getrocknete Biomasse enthält einen Rohproteingehalt von über 60 %, 20 % mehr als eine Hühnerbrust, dazu Aminosäuren, Vitamine und Mineralien. Vom Rohstoffeintrag bis zum fertigen Proteinpulver vergehen gerade einmal 24 h; ohne Gentechnik, wetterunabhängig und 365 Tage im Jahr.
Pilotanlage in Lissabon
Dass das Verfahren funktioniert, hat Microharvest schon bewiesen: Im November 2023 eröffnete das Unternehmen in Lissabon eine Pilotanlage auf rund 200 m2. Die Anlage produzierte zunächst 25 kg Einzeller-Protein pro Tag und lieferte damit die erste handfeste Evidenz für die Skalierbarkeit des Prozesses. Die Erkenntnisse daraus fließen nun in die Planung der Großanlage in Leuna ein, die als erste Produktionsanlage für hochwertiges Protein in Europa gilt.
Präzise Planung für einen komplexen Industrieneubau
Dass sich das Projekt technisch und wirtschaftlich realisieren lässt, hat Drees & Sommer mit einer Machbarkeitsstudie bestätigt. Darin hatten die Fachleute die Rahmenbedingungen für das Bauvorhaben in Leuna analysiert und bewertet – von den behördlichen Vorgaben bis hin zu möglichen Risiken. Auf dieser Grundlage prüfte das Projektteam verschiedene Planungsvarianten auf Wirtschaftlichkeit und Optimierungspotenzial.
Mit dem Produktionsstart in der ersten Jahreshälfte 2028 ist der Zeitrahmen eng gesteckt für das, was es umzusetzen gilt: Drees & Sommer plant unter anderem Bereiche für die Rohmaterialannahme, Lagerung und Vorbereitung. Dazu kommt eine Anlage zum Trocknen, Abfüllen und Verpacken des Proteins sowie Systeme, die den Fermentationsprozess unterstützen. Büros, Labore, die Technische Gebäudeausstattung und Außenanlagen ergänzen die Planung. Zunächst legt das Projektteam die Anlage auf die GMP+-Zertifizierung der Produktionsstandards für den Futtermittelbereich aus; später soll sie sich auf Lebensmittelstandard erweitern lassen.




