Das Thema Rückverfolgbarkeit hat für die Nahrungsmittelbranche höchste Priorität. Nach verheerenden Skandalen kündigen immer mehr Länder verschärfte Regularien an. Welche Vorteile eine frühzeitige, freiwillige Serialisierung von Nahrungsmitteln bietet und wie Hersteller die damit verbundenen Herausforderungen meistern können, erläutert Jörg Willburger, Produktmanager Track & Trace bei Syntegon Technology, im Interview.
Herr Willburger, warum sollte sich die Nahrungsmittelindustrie gerade jetzt mit dem Thema Serialisierung befassen?
Jörg Willburger: In fast allen produzierenden Branchen sind Produktfälschungen ein hochaktuelles Thema. Fälle wie beispielsweise der fatale Skandal in China, bei dem verunreinigtes Säuglingsmilchpulver mehrere Todesopfer forderte, lassen die Forderung nach klaren Herkunftsnachweisen immer lauter werden. Um das Vertrauen in die eigene Marke zu festigen und teure Rückrufaktionen zu vermeiden, müssen Unternehmen in allen Konsumgüter-Bereichen schnellstmöglich aktiv werden. Kann ein Hersteller keine vertrauenswürdigen Daten bereitstellen, wirkt sich das negativ auf die Reputation des Unternehmens und letztlich auf seine Rentabilität aus.
Viele Behörden befassen sich aktuell mit neuen Regularien speziell für Nahrungsmittel. Beispielsweise hat Russland bereits erste Maßnahmen für die verbindliche Rückverfolgbarkeit von Milch- und weiteren Produkten eingeleitet. Auch die US-amerikanische FDA hat Entwürfe für eine engere Rückverfolgbarkeit von Nahrungsmitteln vorgelegt. Ähnliche Pläne gibt es in China. Treten in diesen großen Absatzmärkten neue Regularien in Kraft, müssen auch Produzenten aus anderen Regionen diese Vorgaben erfüllen, um ihren Marktzugang zu sichern.
Welche weiteren Vorteile ergeben sich durch die Serialisierung neben der Erfüllung von gesetzlichen Vorgaben noch?
Jörg Willburger: Die Rolle von Track and Trace als Marketingtool ist nicht zu unterschätzen, um das Vertrauen der Verbraucher zu stärken und über Werbe- und Gamification-Maßnahmen die Interaktion mit den Konsumenten zu fördern. Dabei müssen Unternehmen die Informationen nicht mehr aufwendig und großflächig auf die Verpackung drucken: Ein Code, den die Konsumenten selbst einscannen, genügt völlig. Zudem können Track-and-trace-Lösungen der kostensensitiven Branche auch dabei helfen, Nahrungsmittelabfälle zu reduzieren. So lassen sich beispielsweise digitale Preisanzeigen in Supermärkten automatisch in Abhängigkeit zum Mindesthaltbarkeitsdatums anpassen. Auch bei der Kontrolle und Transparenz von Herstellungs- und Logistikprozessen liefern Serialisierungslösungen wichtige Daten – ganz zu schweigen von den effizienteren Möglichkeiten, Rückrufaktionen durchzuführen, sollten diese trotz aller Maßnahmen zur Qualitätssicherung nötig sein. Serialisierung liegt also sowohl im Interesse der Verbraucher als auch der Hersteller und kann beiden Seiten die gewünschte Transparenz vom Bauernhof bis auf den Teller bieten.




