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    Vom Kontrollinstrument zum prädiktiven Werkzeug
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    Technik

    Vom Kontrollinstrument zum prädiktiven Werkzeug

    Die industrielle Bildverarbeitung wandelt sich in der Lebensmittelindustrie vom Kontrollinstrument zum prädiktiven Qualitätswerkzeug. Ausschlaggeben sind hierfür KI, Multispektraltechnik und Prismen-Kameras.
    Veröffentlicht
    18. Februar 2026
    Lesezeit
    4 Minuten
    Rubrik
    Technik

    Die Weltbevölkerung wächst stetig. Um die Ernährung von Milliarden Menschen sicherzustellen, ist in vielen Bereichen der Lebensmittelindustrie eine zunehmende Automatisierung der Prozesse erforderlich. Leistungsstarke Bildverarbeitungssysteme spielen dabei eine Schlüsselrolle – insbesondere in der optischen Qualitätskontrolle. James Cameron, Vertriebsleiter EMEA bei JAI, erläutert im Interview die aktuellen Anforderungen, technologischen Entwicklungen und künftigen Trends.

    Wie hat sich die Lebensmittelindustrie mithilfe der industriellen Bildverarbeitung weiterentwickelt – und welche Trends erwarten Sie in den nächsten fünf Jahren?

    James Cameron: In den vergangenen fünf Jahren hat sich die industrielle Bildverarbeitung in der Lebensmittelindustrie von einem überwiegend statischen Inspektionswerkzeug zu einem deutlich intelligenteren System entwickelt. Heute geht es nicht mehr nur um reine Fehlererkennung, sondern um umfassende Qualitätssicherung – bis hin zur Vorhersage von Produkteigenschaften.

    Im Obstsektor werden Deep Learning und multispektrale Bildgebung zunehmend zum Standard. Damit lassen sich äußere Oberflächenfehler ebenso erkennen wie innere Mängel. Das ermöglicht eine zuverlässigere Sortierung, reduziert Fehlauswürfe und erlaubt es, Qualitätsparameter wie Zuckergehalt oder innere Druckstellen zerstörungsfrei abzuschätzen.

    Ein weiterer wichtiger Schritt ist die Verlagerung der Datenverarbeitung „on the edge“, also direkt an die Produktionslinie. Edge Processing in Kombination mit Embedded-KI ermöglicht Echtzeitentscheidungen, erhöht die Prozesssicherheit und reduziert Ausschuss. In den kommenden fünf Jahren wird der Fokus noch stärker auf prädiktiven Bildverarbeitungssystemen liegen. Deep-Learning-Modelle werden nicht nur Fehler klassifizieren, sondern auch Frische, Reifegrad und Haltbarkeit vorhersagen.

    Zudem erwarten wir eine zunehmende Nutzung von 3D- und laserbasierter Bildgebung, insbesondere für die präzise Lokalisierung und die robotergestützte Handhabung verpackter Waren. Wachstumstreiber werden modulare, kundenspezifische Bildverarbeitungsplattformen sein – etwa optische Bahn- und Freifallsortierer –, die sich flexibel anpassen lassen und Inspektionsdaten über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg verknüpfen.

    Was sind die besonderen Anforderungen an Bildverarbeitungssysteme in der Lebensmittelindustrie?

    Cameron: Die Anforderungen unterscheiden sich stark je nach Produkt und Prozess. Bei der optischen Sortierung von frischem Obst werden die Früchte häufig in Bechern oder auf Förderbändern transportiert. Dadurch lassen sie sich stabilisieren, was eine präzise Oberflächen- und Farbanalyse ermöglicht.

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    Gemüse, Getreide oder Reis hingegen werden meist in Freifallsortierern geprüft. Hier werden die Produkte während des freien Falls auf Form, Farbe und Fremdkörper untersucht. Solche 360-Grad-Inspektionen sind nur mit Freifallsystemen realisierbar und gehen mit sehr hohen Inspektionsgeschwindigkeiten einher.

    Hinzu kommt der Bedarf an extrem präzisen Farbdaten, um selbst kleinste Fehler im gleichen Farbspektrum zu erkennen – etwa dunkelgelbe Flecken auf Pommes frites. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach einer Qualitätsbewertung sowohl der Oberfläche als auch des Inneren von Lebensmitteln. Dafür sind multispektrale oder hyperspektrale Ansätze erforderlich, bei denen sichtbares Licht ebenso ausgewertet wird wie NIR- oder SWIR-Wellenlängen. So lassen sich Schäden erkennen, die äußerlich noch nicht sichtbar sind, etwa Druckstellen bei Äpfeln, aus denen später Fäulnis entstehen kann.

    Eine zusätzliche Herausforderung besteht darin, dass rotierende oder taumelnde Produkte sowie Geschwindigkeitsschwankungen schnell zu Bewegungsunschärfen führen können. Die Bildverarbeitungssysteme müssen damit zuverlässig umgehen.

    Welche Bildverarbeitungslösungen stehen zur Verfügung, um diesen hohen Anforderungen gerecht zu werden?

    Cameron: Am Markt gibt es verschiedene technische Ansätze. Dazu zählen Multikamera-Systeme mit separater Wellenbandauswahl, deren Bilder anschließend kombiniert werden. Ebenso existieren Lösungen mit zwei Kameras und Strahlteilern, die sich die Inspektionsaufgaben teilen. Diese Konzepte sind jedoch häufig mit höherem Synchronisationsaufwand, komplexeren Aufbauten und steigenden Kosten verbunden.

    Prismen-Kameras spielen hier ihre besonderen Stärken aus. Sie ermöglichen es, die verfügbare Tiefenschärfe auch bei schwierigen Blickwinkeln optimal zu nutzen und liefern ein direkt auswertbares Bild. Mit nur einer Kamera lassen sich sichtbare und infrarote Wellenlängen erfassen und als mehrere Bildströme ausgeben. Gleichzeitig bleibt die Optik flexibel, da Objektivwechsel deutlich einfacher sind als bei Strahlteiler-Lösungen.

    Prismen-Kameras eignen sich besonders für die Erfassung multispektraler Daten in Fließband- und Freifallsortiermaschinen. JAI bietet beispielsweise 4-Sensor-Prismen-Kameras an, die gleichzeitig RGB-Bilder für eine exakte Farbklassifizierung sowie NIR- oder SWIR-Bilder zur Fremdkörper- und Unteroberflächeninspektion erfassen. Für Anwender bedeutet das einen geringeren Kalibrierungs- und Installationsaufwand im Vergleich zu klassischen Multikamera-Systemen.

    Warum verfügt JAI über eine so ausgeprägte Expertise bei Prismen-Kameras für diesen Markt?

    Cameron: JAI gehörte zu den ersten Herstellern von Industriekameras, die prismenbasierte Lösungen für die Farbinspektion mit Flächen- und Zeilenkameras angeboten haben. Bei diesen Kameras wird das Licht in einzelne Wellenlängen – etwa Rot, Grün, Blau sowie optional NIR oder SWIR – aufgeteilt und auf perfekt pixelgenau ausgerichtete Sensoren gelenkt.

    Da alle Kanäle über eine gemeinsame optische Achse verfügen, werden Parallaxenprobleme und Halo-Effekte vermieden. Gleichzeitig entfällt ein Großteil des sonst notwendigen Aufwands zur räumlichen Ausrichtung, insbesondere bei schrägen Blickwinkeln, runden Produkten oder unterschiedlichen Fallgeschwindigkeiten. Präzise gefertigte dichroitische Filter sorgen zudem für eine sehr saubere spektrale Trennung mit minimalem Farb-Crosstalk. Ein weiterer Vorteil ist die individuelle Belichtungssteuerung für jeden Kanal. Das führt zu farbtreuen, scharfen Bildern mit hoher räumlicher Genauigkeit.

    Gibt es neben der Lebensmittelindustrie weitere Anwendungsfelder für Prismen-Kameras?

    Cameron: Absolut. Die Lebensmittelindustrie ist insofern besonders, als es sich um organische Produkte handelt, deren Eigenschaften ständig variieren. Prismen-Kameras eignen sich grundsätzlich überall dort, wo eine präzise Farbtrennung und hohe Bildstabilität gefragt sind. Sie stellen sicher, dass das erfasste Licht in echte, verwertbare Farbinformationen umgesetzt wird.

    www.prozesstechnik-online.de

    Das Interview führte für Sie: Dr. Bernd Rademacher

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